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Die Ursache der MS

Von Kathrin Tsakiris

Während Wissenschaftler aus aller Welt fieberhaft nach der Ursache der MS forschen, war es für meine Mutter Veta von Anfang an klar, was diese bei mir ausgelöst hatte. Von dem ganzen Autoimmunquatsch wollte sie nichts hören. Sie hatte die Erklärung und favorisierte, nein, sie beharrte auf dem Bösen Blick. Denn der taucht ja schliesslich schon in der Bibel auf. 99 Prozent der Griechen glauben an den Bösen Blick. Jeder, der Zweifel hegt, wird mit dem Hinweis: "Er steht sogar in der Bibel" zum Schweigen gebracht. Allerdings suche ich bis heute vergeblich in der Bibel nach der Stelle, in der er erwähnt sein soll. Vermutlich ist es ein Gerücht, welches sich hartnäckig bei über zehn Millionen Griechen hält. Oder sie haben eine andere Bibel als der Rest der Christenheit.

Mit Müttern eine Grundsatzdiskussion anzufangen, lohnt sich nicht. Mit griechischen Müttern noch weniger. Da also Mama Veta, wie sie liebevoll von allen genannt wird, der Überzeugung war, der Böse Blick hätte mich getroffen, bestimmte sie einfach, wir müssten einen türkischen Hodscha kontaktieren, der mich mit einer magischen Formel vom Bösen Blick befreien würde. Sie bestimmte. Sachte Anfragen oder taktvolles Vorschlagen ist nicht das Ding griechischer Frauen. Sie krempeln die Ärmel hoch und schaffen das Problem aus der Welt. Schliesslich gibt es für alles eine Lösung und falls doch nicht, dann ist es eben "Kismet".

Griechen und Türken verbindet eine Hassliebe. Immer wieder ärgern sie uns und schicken Schiffe in unsere Gewässer. Wir verletzen im Gegenzug dafür ihren Luftraum. Laut den Türken fangen die Griechen immer an. Laut den Griechen immer die Türken. So wird sich das wohl noch in 1000 Jahren abspielen, wenn die Erde bis dahin nicht aufhört sich zu drehen. Im Feiern, Essen, Trinken und im Leid  sind wir jedoch Geschwister. Und in Mama Vetas Sorge um ihre Tochter wurde der türkische Hodscha eben zum Bruder.

Um Mama Veta den Gefallen zu tun, gab ich meine Einwilligung zu dem Ritual. So tauchte ein paar Tage später ein cirka einen Meter sechzig großes, bärtiges Männlein bei uns auf. Dieses beweihräucherte zuerst das ganze Haus und begleitete sein Tun murmelnd mit Segnungen  unter seinem wild wuchernden Bart. Währenddessen wurden meine Hände feucht, und ich fragte mich, ob ich noch ganz bei Sinnen sei. Die Ungläubige, im doppelten Sinn, saß da und gab sich diesem Unsinn hin. Ob diesem Gedanken schmückte ein Lächeln mein Gesicht, und der Hodscha wurde grimmiger. Vermutlich witterte er das Böse förmlich in mir und konnte es kaum erwarten,  mir das Lachen auszutreiben.

Unvermittelt forderte er mich  auf, mich hinzuknien,  hob einen Koran über mein Haupt und sprach weiter. Schließlich musste ich den Mund öffnen und die Augen schliessen. In Erwartung einer islamischen Hostie in Form von türkischem Honig öffnet ich bereitwillig meinen Mund und spürte seinen furchtbar riechenden Atem in meinem Gesicht, während er weiter brabbelte. Schlagartig riss ich meine Augen auf, als er mir mehrmals in den Mund pustete - und ich fiel in Ohnmacht.

Wieder zu mir gekommen, sah ich Mutter und Hodscha zufrieden lächeln.  Als ich mich dann noch  übergab, tätschelte der Hodscha väterlich mein Haupt und sagte: "Recht so mein Kind, das Böse tritt aus dir aus." Keiner brachte die Situation mit grauenvollem Mundgeruch in Verbindung.

Als er ging, drückte mich meine Mutter herzlich und meinte: "So Kind. Du bist nun geheilt."

Acht Wochen später lag ich mit einem Schub im Krankenhaus. Meine Mutter verfluchte alle Türken, erhob schwere Vorwürfe gegen sie und entwickelte heftige Schuldgefühle, weil sie mich, ihre über alles geliebte Tochter, einem "Erbfeind" anvertraut hatte, "Sicher ist er Angehöriger einer islamischen Front". "Nein, Mutter. Die MS lässt sich nicht wegzaubern. Sie ist eine Autoimmunerkrankung", beruhigte ich. "Ach papperlapapp. Als Onkel Kosta an Lungenkrebs starb, war es Hexerei. Der Böse Blick. Und auf dich sind auch alle eifersüchtig", meinte sie in ihrer liebenswert dominanten Art. "MAMA! Onkel Kosta hat zwei Schachteln Gitane am Tag geraucht. Einem Kerl wie ihm hätte Hexerei nichts anhaben können. Ausserdem trug er ein Kreuz." "Welches nicht geweiht war", erwiderten Mama Veta trotzig, "nichts da, sobald du aus dem Krankenhaus raus bist, gehen wir zu Madame Voula".

Griechische Frauen sind neurotisch, hysterisch und fast durch die Bank weg psychotisch. Niemals würden sie sich das eingestehen. Schuld sind immer Hexerei, der Böse Blick, böse Menschen, der Teufel, schlechtes Olivenöl und verdorbenes Gemüse. Esoterik boomt in Griechenland. ABM-Massnahmen gibt es dort nicht und Hartz IV wäre das Paradies für einen griechischen Arbeitslosen. Ist man also in Griechenland arbeitslos, hat eine Familie zu ernähren und keine Aussicht auf Arbeit, klebt man sich ein paar arabische Diplome an die Wand und eröffnet ein "Hilfe in allen Lebenslagen"-Büro. So auch Madame Voula, die schnell gemerkt hatte, daß sie im Schichtdienst eines Automobilkonzerns nicht mal ein Viertel dessen verdienen konnte, was ihre Lebensberatung abwarf. Jammert meine Mutter über die Praxisgebühr von zehn Euro im Quartal, hatte sie keinerlei Skrupel Madame Voula für ihre Sitzungen bis zu 150 Euro hinzublättern.

Ich war 24 Jahre alt, hatte seit drei Monaten die Diagnose MS. Anstatt einen großen Urlaub zu planen, um meine Gedanken zu sortieren und mir darüber klar zu werden, wie es letztendlich weitergehen sollte, sass ich nun im Wartezimmer von Madame Voula und versuchte meiner Mutter klar zu machen, daß Madame Voula eine Betrügerin sei. "Stella, sie ist eine tolle Frau. Von Gott berufen, uns zu helfen und zu heilen. Weisst du noch, damals, als meine Schulter schmerzte und ich mich kaum rühren konnte? Madame Voula hat ihre Hand aufgelegt, die schmerzende Stelle ist heiss geworden und sogar ein Abdruck ihrer Hand war zu sehen. Die Schmerzen waren verschwunden", sprach sie und nickte selbstgefällig. "Mama, Voula hat ihre Hand vorher mit Rheumasalbe eingerieben. Daher wurde sie warm und die Hand zeichnete sich ab. Außerdem warst du vier Tage später beim Arzt, der dir dann Cortison gespritzt hat." "Ach, der Arzt. Wer weiß, was der mir gespritzt hat… Hätte Voula keine Vorarbeit geleistet, säße ich heute im Rollstuhl. Ende der Diskussion." Mama Veta setzte einen Punkt und weiteres Diskutieren war einmal mehr zwecklos.

Madame Voula, gehüllt in Kaftane, bat uns herein.  Das Ambiente ihres Büros hatte - wie wäre es anders zu erwarten? - einen spirituellen Touch. Jasminräucherstäbchen durchtränkten die Luft, Mobiles klirrten und ein indischer Barde sang vermutlich Liebeslieder. "Veta!" rief Madame Voula und breitete ihre Arme aus. "Voula!" rief meine Mutter, und sie lagen sich in den Armen. "O meine Gute, ich spüre es. Deine Schulter wieder!" "Nein Voula", erwiderte meine Mutter und deutete mit ihrem Kopf in meine Richtung, "meine Tochter". Die Ärzte reden von MS und autoimmun, aber es ist der Böse Blick". "Himmel!" Madame Voula griff einfrig zu ihren Räucherstäbchen und fing an, mich von oben bis unten zu benebeln. "Veta, die linke Seite deines Kindes ist schwach. Der Böse Blick hat sie von links getroffen." Meine Mutter bekreuzigte sich und schaute mich triumphierend an: "Siehst du? War es nicht deine linke Seite, die lahmte und weswegen du ins Krankenhaus musstest?"

Langsam wurde es mir zu bunt. "Liebe Madame Voula, liebe Mama", erhob ich mich und startete meine Rede: "Man braucht keine übersinnlichen Fähigkeiten, um zu sehen, daß meine linke Seite schwächelt. Ich hatte einen MS-Schub!" Den kurzen Moment, in dem ich Luft holen wollte, nutzte meine Mutter um sich bei Voula einzuhaken. "Stella, ich sehe, du zeigst keine Einsicht. Voula und ich werden das nun in Ruhe besprechen und du wartest hier!"

Wütend schnappte ich mir das herumliegende "Reiki-Magazin" und versuchte zu lesen. Meine Ohren waren natürlich gespitzt, und ich vernahm Bruchstücke des Gesprächs: "Ja, in Wasser auflösen und trinken…" "Gott bewahre, das arme Kind…" "Der heiligen Irina Chrisowalanti werde ich deine großzügige Spende übermitteln Veta. Ja, und eine Kerze für die heilige Jungfrau von Tinos", hörte ich meine Mutter und Voula erwiderte: "Aber in Lebensgröße!"

Sichtlich zufrieden kam meine Mutter aus dem Nebenraum und wir fuhren nach Hause. Zwei Wochen lang musst ich kleine Zettelchen, auf denen magische Formeln von Madame Voula standen, in Wasser auflösen und das Zeug trinken. Es schmeckte nach Tinte, aber sollte mich ja angeblich heilen. Ein Monat verging und ich bekam Magenschmerzen. Diagnose: Helicobacter Pylori. Vermutlich vom Atem des schmuddeligen Hodscha eingefangen.

Im Laufe der Jahre startete nicht nur meine Mutter, sondern die ganze Familie ominöse Heilversuche. Über Schlangengift zum Bienenstich. Glücklich war ich nicht; genutzt hat es auch nichts. Aber ich begann endlich, mich mit mir und meiner Situation auseinander zu setzen: Wenn doch die MS ein Wink des Schicksals war, sollte ich da nicht in Anbetracht dessen, dass das Leben zu kurz ist und wir nicht wissen, ob und was danach sein wird, die Konsequenz draus ziehen und mich emanzipieren aus dieser Enge? Warum sollte ich die MS nicht zum Anlass nehmen, über mein Leben endlich selbst zu bestimmen und nicht mehr schicksalsergeben zu warten, was da kommen würde.

Für eine Griechin gibt es den Auszug zum Zwecke der Selbstverwirklichung nicht. Entweder man verlässt das Elternhaus, um zu studieren und kehrt mit erfolgreichem Abschluss wieder zurück oder man heiratet und gründet damit erst seinen eigenen Hausstand. Plötzlich erinnerte ich mich die eingangs erwähnte Charaktereigenschaft und ich krempelte die Ärmel hoch, um Probleme aus dem Weg zu schaffen.

Zwei Jahre nach der Diagnose MS machte es "Klick". Ich  beschloss, mir schnellstmöglich eine eigene Wohnung zu suchen und mich trotz aller Liebe zu meiner Familie nicht mehr in das Stadium einer Fünfjährigen drängen zu lassen. Der Abnabelungsprozess gelang mir in meinem neuen, schicken Appartment gut. Trotz MS fühlte ich mich frei und konnte meine Flügel ausbreiten. Zu meinem grossen Glück stand die MS acht Jahre still. In dieser Zeit arbeitete ich wie eine Besessene und schaffte es, in der Männerdomäne Automobilbranche aufzusteigen. Mein Weg führte steil nach oben.

Es ging mir so gut, dass ich in dieser Zeit die Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit für mich gepachtet hatte. Tatsächlich war ich überzeugt, mein Weg im Umgang mit der Krankheit sei der einzig wahre und richtige. Dabei bestand mein Weg im Grunde genommen nur darin, die Krankheit zu ignorieren und exakt das zu tun, was man eben bei einer MS nicht tun sollte. Durch permanente Grenzüberschreitungen ohne jegliche spürbare Konsequenzen war es einfach, anderen gegenüber Arroganz zu zeigen. Frei nach dem Motto "Die andern müssen ja etwas falsch machen und sind im Prinzip selber schuld an ihrer schlechten Verfassung". Genau: Selber schuld!

Heute schäme ich mich für diese Gedanken. Denn umso tiefer war der Fall, als die Krankheit anfing, dominant aufzutreten. Meine Welt funktionierte auf einmal nicht mehr so, wie ich es wollte. Ich konnte meinen Körper nicht mehr kontrollieren, geschweige denn, ihm vertrauen.  Diese Erkenntnis erschütterte meine neue, bis anhin heile Welt. Die MS hatte ein Stadium erreicht, in dem sie nicht mehr ignorierbar war. Sei es, weil ich, ohne es zu wollen, plötzlich in nassen Hosen da stand oder wie eine Betrunkene lallte und torkelte. Wieder hiess es, einen Lebensabschnitt zu beenden und etwas Neues anzufangen.

Ich reichte in Absprache mit meinen Ärzten Rente ein.

Da stand ich nun. Gerade mal 32 Jahre alt und Rentnerin. Die Ursache der MS ist mir immer noch nicht bekannt. Wenn ich den erwische, der mich mit dem Bösen Blick versehen hat, weiss ich nicht, ob ich ihn verfluchen oder ihm doch dankbar sein soll. Immerhin hat er mir Dinge gezeigt, auf die ich niemals von alleine gekommen wäre, und er hat meinen eigenen Blickwinkel und Horizont erweitert. Zwar kann ich meinen Beruf nicht mehr ausüben, aber ich kann noch viele Dinge tun, an denen ich große Freude habe. Vor allem: Schreiben.