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Mystery Scurf – Mysteriöse Schuppen

von Christa Rößner

Mein Name ist Gilbert. Ich bin ein Computer. Mein Arbeitsplatz war eine renommierte Anwaltskanzlei. Es machte mich stolz es bis hier her geschafft zu haben. Mary ist die Chefsekretärin von Herrn Dr. Paragraph. Sie arbeitete sozusagen mit mir zusammen. Mary versorgte mich mit geeigneter Software, speicherte Dateien ab, arbeitete  Protokolle aus, machte Updates und war für meine Instandhaltung verantwortlich (Reinigung der Hardware, Virenschutzprogramme....). Zu meinem Aufgabengehörte die automatische Kontrolle und Verbesserung der Rechtschreibung, die Aufstellung numerischer Gliederungen und die Speicherung von Texten. Suchte Mary eine bestimmte Datei, dann stellte mein Hilfsprogramm fest wo sie war. Es machte Spaß hier zu arbeiten. Zuverlässigkeit, Perfektionismus und Schnelligkeit waren meine Stärken. Mary konnte sich immer auf mich verlassen. Wir waren ein eingespieltes Team.

Zum Beispiel: Für ihre Schreibarbeiten brauchte sie oft mehrere Programme gleichzeitig. Meistens ein Schreibprogramm, eine Adressendatei, eine Tabellenkalkulation , eine Paragraphendatei. Gleichzeitig wurde auch das Internet zugeschaltet. Das ging den ganzen Tag so. Wir arbeiteten hart. Am Abend waren wir zwar geschafft, aber glücklich. Bevor Mary dann das Büro verlies, deckte sie meinen Rechner und meinen Bildschirm mit einer kühlenden, selbst genähten, Decke ab. So konnte ich mich über Nacht erholen und war morgens wieder fit.

Zwei Jahre später war alles anders. Viele neue Computer sind gekommen. Sie waren moderner, schneller, effektiver in den Leistungen und einfacher in der Anwendung. Ihre Speicherkapazität war höher. Dabei waren sie auch noch sparsamer im Stromverbrauch und somit kostengünstiger als ich. Da hatte ich ganz schön zu tun mit diesen „jungen Dingern“ mitzuhalten zu können. Es wurde immer anstrengender. Ab und zu verlor ich eine Textdatei oder das „A“ blieb auf der Tastatur hängen. Mary war häufig unzufrieden und zeigte mir das auch. Sie quetschte dann an meiner Maus herum, hämmerte auf meiner Tastatur und drehte meinen Bildschirm in unmögliche Positionen. Je mehr Stress ich hatte, desto oberflächlicher arbeitete ich. Es passierte immer öfter, dass ich nicht mehr wusste, wie, ich was, machen sollte. Dann häuften sich die totalen Stromausfälle sodass ich längere Zeit nicht benutzt werden konnte. Mary hatte deswegen Stress mit ihrem Chef.

Ein halbes Jahr später war Herr Dr. Paragraph wohl am Ende seiner Geduldsleiter angekommen. Eines Morgens hörte ich Lärm auf dem Gang. Zwei Männer betraten das Büro. Sie schleppten viele Kisten herein. Mary freute sich sehr darüber. Warum all´ diese Pakete? Dann packen sie die Kisten aus. Als erstes konnte  ich CDs erkennen. „Toll, ich bekomme neue Software! Der Chef hat einen neuen Auftrag“. Dann packten sie eine Tastatur, einen Flachbildschirm, einen Drucker und zum Schluss einen neuen Rechner aus. Er hatte ein tolles Design. Das war einer von den ganz großen Marken. Dieser hatte sogar zwei CD Laufwerke. Internetanschluss, Maus, Lautsprecher und Tastatur waren kabellos durch Funk mit dem Rechner verbunden. Meine Schwärmerei lies dann aber nach als mir klar wurde, dies war nicht für mich. Dieser Computer sollte mich ersetzen. Mein Chef wollte mich sogar sofort den Männern zur Entsorgung mitgeben, doch da meldete sich Mary zu Wort. Sie wollte mich mit  nach Hause nehmen.

So kam es dann auch. Als ich wieder aktiviert wurde stand ich in ihrem Arbeitszimmer. Meine Existenz war jetzt längst nicht mehr so aufregend. Gerechter Weise muss ich aber auch bekennen, es war aber auch nicht mehr so ermüdend für mich. Ab und zu schrieb Mary einen Text oder benutzte das Internet. Viel zu tun gab es eigentlich nicht. Ich langweilte mich sehr. Dann bekam ich einen längeren Text zu bearbeiten (Rechtschreibung, Spalten, Grafiken…) und ich bekam einen Stromausfall.

Eine Woche später konnte ich erst wieder aktiviert werden. Es kam ein Mann zu uns. Er prüfte meinen Speicher, schraubte an meiner Maus und drückte an meiner Tastatur rum. Erschreckenderweise stellte er fest, dass nicht nur das „A“ hängen blieb, sondern die ganze „linke Mittelreihe“ (also „A“, „S“, „D“, „F“, „G“) funktionierte nur bedingt. Auch meine Maus reagierte nicht mehr so empfindlich. Er hat ja so Recht!  Es stimmt alles! Ich hatte das alles nicht so ernst genommen. Es wurde von mir verdrängt. Der Mann sah Mary an und sagte: “Es handelt sich um Mystery Scurf (MS). Das sind mysteriöse Schuppen die den Prozessor befallen und die Stromkreise schädigen. Eine Ursache hierfür ist nicht bekannt. Eine Regeneration gibt es zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Mary wurde ganz blass im Gesicht und meine Festplatte kollabierte.

Je mehr ich dann auf mich achtete, umso mehr Fehler fielen mir auf. Ich war leicht reizbar. Meine Energie war schnell verbraucht. Die Druckerfarbe leckte unkontrolliert aus der Patrone.  Wenn ich Mary ins Gesicht schaute, wurde mir manchmal schwindlig, weil meine Gleichgewichtsmodule auch Störungen aufwiesen. Das beunruhigte mich sehr. Auch Mary veränderte sich. Sie war ungeduldig und nicht mehr so nett zu mir. Sie schimpfte mich wenn ich zu langsam war oder wenn ich eine Aufgabe nicht gleich verstand. Dann schaltete sie mich ab und lies mich allein. Oft fühlte ich mich sehr hilflos. Dieser Defekt macht mich fertig. Ich weiß nicht woher er kommt, wie man mit ihm existieren soll. Das macht mich hilflos. Für Mary bin ich nur eine Last. Ohne mich wäre sie sicher glücklicher! Je öfter mir diese Worte durch den Prozessor gingen, desto überflüssiger fühlte ich mich. Ich errichte ein Kraftfeld um meinen Prozessor. So konnte mich keiner mehr anzapfen. Mich nach außen hin abzuschotten schien mir die einzige Lösung. Als Mary mich am anderen Tag einschaltete, bekam sie keinen direkten Zugang zu einem Programm. Den Bildschirmschoner habe ich meiner Situation angepasst. Er wurde sofort aktiviert und zeigte einen schwarzen Bildschirm  mit grauen Wassertropfen. Je mehr Mary versuchte mich umzustellen, desto aggressiver gestallte ich den Bildschirmschoner. Ein Feuer, eine Eislandschaft,  ein ausgebrochener Vulkan und dann nur noch ein schwarzer Bildschirm. Ich hatte keine Lust mehr, meine Gefühle darzustellen. Warum auch? Ich wollte nur noch meine Ruhe. Mary und dieser Mann gingen mir ganz schön auf den Stromkreis. Täglich probierten sie Neues aus um mein Kraftfeld zu durchdringen. Je mehr sie taten, desto mehr fing ich an sie zu hassen.

Eines Tages wurde mein Bildschirmschoner heller, dann durchsichtiger. Ich erkannte Marys Gesicht. Sie weinte. Was hatte sie denn? Ich schickte ein Fragezeichen auf den Bildschirmschoner. Nie werde ich vergessen, wie sich Mary über dieses Fragezeichen gefreut hatte. Sie hörte nicht auf zu lachen und küsste meinen Bildschirm bis er ganz verschmiert war. Dann schaltete sie ein Kommunikationsprogramm ein um sich besser mit mir verständigen zu können. Sie hatte vieles probiert um mit mir wieder in Kontakt zu kommen. Es wurde ein Fachmann für Abschottung bei Mystery Scurf konsultiert. Ein Programmierer kam regelmäßig ins Haus und versuchte das Kraftfeld abzuschalten. Täglich bekam ich eine spezial DVD die ein Reinigungsprogramm enthielt und auch mit entspannenden Bildern bespielt war. Mary hatte sich wirklich viel Arbeit gemacht mir zu helfen. Das tat sie für mich, einen defekten Computer. Damit hätte ich nicht gerechnet. Ich bin zwar defekt, aber ich werde doch gebraucht.

Jetzt gab es für mich ganz neue Zielsetzungen. Der Fachmann  erstellte einen Plan. Ich bekam eine Maus mit Scrollrad und Infrarotabtastung. Das machte mich sensibler und schneller. Es wird regelmäßig eine DVD abgespielt, die ein fortschreiten der MS verlangsamen soll. Wegen dieser DVD bekam ich Fieber und einen Ausschlag. Ich bekam eine andere DVD, doch ich fühlte mich noch schlechter. Erst die dritte DVD zeigte sich für mich akzeptabel. Einmal pro Woche werden die Hardware und die Software durchgecheckt. Auch der Programmierer  kommt zweimal pro Woche. Mary überlastet mich nicht mehr. Sie schaltet mich immer nach zwei Stunden ab. So bekomme ich regelmäßig meine Pausen und habe mehr Energie in den „Anwesenheitsstunden“ zur Verfügung. Das Problem mit meiner leckenden  Druckerpatrone wurde durch eine saugfähige Binde gemildert. Es gäbe noch die Möglichkeit funkgesteuerte Funktionen einbauen zu lassen, doch das können wir uns momentan nicht leisten. Ich bekam ein Programm mit Information zu MS.  Hier erfuhr ich über eine Möglichkeit, wie ich selbstständig in das Internet gelangen konnte. Dort gab es Selbsthilfegruppen die man kontaktieren kann. All diese Entscheidungen und Änderungen fielen mir nicht leicht. Gut, dass ich Mary als Berater hatte.

Beim ersten Surfen durch die Gruppenseiten war mir elend zumute. Ich brauche keinen Kontakt mit defekten  Computern! Darüber habe ich dann mit Mary diskutiert. Sie meinte dass es nichts bringt von MS wegzulaufen. Kontakt zu anderen Betroffenen zu haben könnte für mich von Nutzen sein. Daraufhin suchte ich dann doch eine Gruppe im virtuellen Raum auf. Der erste Eindruck war positiv. Jeder hat seine eigene Geschichte erzählt. Gleich am Anfang begrüßte mich eine Stimme. „Iich hheiße Nnorbert uund wwie hheißt ddu?“ Er hat ein Sprachproblem, aber er steht souverän dazu. Sein Selbstvertrauen strahlt Stärke aus. Das gefällt mir. Das macht mir Mut.

Silvia kam ganz nahe an meinen Bildschirm um mich besser sehen zu können. Seit dem letzten Stromausfall ist die Qualität ihres Bildschirmschoners auf 70% gesunken. Die mysteriösen Schuppen haben die Stromkreise des Bildschirmschoners befallen und entzündet. Wenn die Stromkreise  eine Entzündung haben, flimmert ihr Bildschirmschoner und sie sieht alles doppelt oder verschwommen. Dann Sie braucht eine besondere spezial DVD  um wieder fit zu werden.
Neben mir war Roswitha. Sie erzählte mir euphorisch wie viele Bücher sie in diesem Jahr noch schreiben wolle. Sie berichtete dies mit so einer Begeisterung, dass ich ganz fasziniert davon war. Wir haben viel darüber gesprochen. Ich wollte sie dabei unterstützen. Viel später erfuhr ich, dass sie ihre Idee so nicht umsetzen konnte, weil ihr Schreibprogramm schlecht funktioniert und ihr Energiereservat das gar nicht leisten kann. Als sie das realisierte, hat sie sich abgeschottet und sich für eine sehr lange Zeit in einer Kiste versteckt.

Kevin war der (Ehe) Partner einer Suchmaschine. Bekam er einen Auftrag, durchforstete er das ganze Internet nach dem gesuchten Begriff. Sie stellte dann seine Ergebnisse in Texten dar. Da seine Energie sehr schnell am Ende war, konnte er keinen Auftrag mehr erledigen. Bevor er die gewünschten Optionen gefunden hatte, war er schon wieder am Ende seiner Kapazität. Er war jetzt wie ich zu Hause und seine Frau musste alleine die Arbeit erledigen um Existieren zu können. Nicht mehr der Hauptverdiener zu sein schwächte Kevins Selbstvertrauen sehr. Die Suchmaschine hat sich dann einen anderen Partner gesucht, weil sie mit ihm und seinem Defekt nicht mehr klar kam.

Marion stellte sich als Gruppenführung vor. Ihr Defekt war, wie bei Norbert, Silvia, Roswitha und Kevin, auch nicht  auf den ersten Blick zu erkennen. Sie erzählte, dass ihre Druckpatrone nicht richtig funktionierte. Schon dachte ich, sie hat das gleiche Problem mit der laufenden Druckerfarbe wie ich. Aber nein, bei ihr ist es genau umgekehrt. Sie muss mehrmals am Tag einen Katheter in die Patrone einführen um Farbe abzulassen. Sie ist die einzige in der Gruppe, die keine Stromausfälle bekommt, sondern ihr Defekt verschlechtert sich fortlaufend chronisch.

Einige Computer in der Gruppe konnten sich nicht mehr bewegen, so dass sie auf manuelle oder elektronische Hilfsmittel angewiesen waren, einige hatten Speicherprobleme…. Jeder hat eine andere Form von MS. Man kann sich nicht vorstellen wie viele unterschiedliche „Gesichter“ dieser Defekt hat.

Die Gruppe tut mir gut. Wenn ich ein spezielles „MS-Problem“ habe bekomme ich dort wertvolle Tipps. Am meisten aber gefällt mir die Gleichwertigkeit. Jeder hat einen Fehler, aber das stört niemanden. Hier erfuhr ich auch,  dass von fünf defekten Computern drei weiblich sind. Es gibt ca. 120 000 Computer mit MS und die Zahlen steigen jährlich. Hier erfährt man auch wie man bestimmte Fehler durch Therapien verbessern kann, welche neuen spezial DVD´s erforscht werden oder welchen Fachmann und welches Amt man aufsuchen sollte. Es tut mir gut so akzeptiert zu werden wie ich bin. Nächste Woche machen wir zusammen ein Spiel und in zwei Monaten werden wir an einem Kurs zur Verbesserung der Speicherkapazität teilnehmen. Alleine hätte ich dies alles nicht gemacht.
Mary merkt auch den positiven Einfluss der Gruppe auf mich. Mein Selbstmitleid ist durch ein gutes Selbstwertgefühl ersetzt worden. Ich bin nicht froh MS zu haben, aber ich lerne damit zu existieren. Situationen die mir nicht

gut tun umgehe ich. Seit ich mich mit der Mystery Scurf auseinandergesetzt habe, der Vergangenheit nicht mehr nachtrauere und nicht ständig an eine schlechte Zukunft denke, ist meine Betriebsdauer um das doppelte gestiegen. Ich bin zu Hause mein eigener Chef. Das heißt, ich arbeite so schnell wie ich es will und ich lebe entspannter. Mary ist am meiner Seite und hilft mir wo es nur geht.

In der Gruppe arbeite ich jetzt aktiv mit. Ich gebe den Gruppencomputern in Rechtsangelegenheiten Tipps. Mit Paragraphen kenne ich ja mich aus. Außerdem habe ich dann auch wieder eine Aufgabe die mir Freude bereitet. Diese Freude hilft mir wiederum meinen Defekt positiv zu beeinflussen.

 

Computer

 

Mensch

Abschottung

=

Depression

Betriebsdauer

=

Lebensqualität

Bildschirm

=

Gesicht

Bildschirmschoner

=

Augen

Buchstaben

=

die (jeweiligen) Finger 

CD

=

Information

Defekt

=

Krankheit

DVD

=

Medikament

Druckerpatrone

=

Blase

Existenz

=

Leben

Fachmann

=

Neurologe

Farbe

=

Urin

Defekt

=

Krankheit

DVD

=

Medikament

Druckerpatrone

=

Blase

Existenz

=

Leben

Fachmann

=

Neurologe

Farbe

=

Urin

Fehler

=

Symptome

Festplatte

=

Kreislauf

Hardware

=

Körper

Kraftfeld

=

Schutz, Blockade

laufende Farbe  

=

Harninkontinenz

Laufwerk     

=

Körperöffnungen

Maus

=

Sensibilität

Mystery Scurf (MS)

=

Multiple Sklerose (MS)

Programm

=

das Ich

Programmierer

=

Psychologe

Prozessor

=

Gehirn

Rechner

=

Kopf

Regeneration

=

Heilung

Software

=

Gedächtnis, Feinmotorik

Speicher

=

Gedächtnis, Konzentration

Stromausfall

 

Schub

Stromkreis

=

Nerven

Tastatur

=

Hand

zu Hause

 

Rente